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Niederschlesischer Kurier, 06.08.2004

Die "Langohren" mit der langen Leitung




Deutsch-Paulsdorf/Nechern. Sunny ist eine grazile Schönheit. Ihr heller Teint betört nicht nur die Männer um sie herum. Auch eine Jury ließ sich schon von ihr bezirzen: Im vergangenen Jahr kam sie bei der Wahl zur "Miss Esel" im Görlitzer Tierpark ganz oben auf das Siegerpodest.

Tatsächlich: Sunny ist eine Eselstute und fühlt sich im heimischen Stall in Nechern pudelwohl. Dort ist sie schon lange nicht mehr allein. Mit den beiden Fohlen Sunshine, Evi, dem Wallach Apollo 13 und Hengst Walter bildet sie ein lautstarkes Team. Denn ihr "I-A" hört man schon von Weitem.

Ist Walter mal vom Rest getrennt - und das kommt recht oft vor, damit er seine Manneskraft nicht dauernd spielen lässt - wird es um so lauter. "I-A, I-A, I-A". Ganz allein ist Walter dennoch nicht, denn mit Ponystute Susi teilt er sich die Weide. Und zuweilen auch das "Bett". Eindeutiger Beweis: In Kürze wird Susi ein Baby bekommen - einen Muli, der dann unfruchtbar ist und deshalb ein idealer Gefährte für den Liebe bedürftigen Walter.

Doch zurück zu den anderen Eseln auf dem Hof der Familie Wulke. Sie sind die unbestrittenen Favoriten von Heike, Ralf und Tochter Jeannett. Die Drei räumen gleich mit einem Vorurteil auf: "Esel sind gar nicht störrisch, sie überlegen nur etwas länger, brauchen die so genannte Eselgedenkminute."

In Schrecksituationen galoppieren die Langohren nicht einfach ziellos davon, sondern überdenken das, was sie gleich danach tun. "Esel stammen ursprünglich aus den Bergen. Wer dort Hals über Kopf flüchtet, kann schnell in einer Schlucht verschwinden", begründet Heike Wulke die "lange Leitung" ihrer Schützlinge.

Ob Sunny, deren Tochter Sunshine, Evi, Apollo 13 oder Walter - sie alle haben recht unterschiedliche Charaktere. "Sunny ist fleißig, zuverlässig und sehr ruhig. Sunshine eher feurig und temperamentvoll. Evi ist mit ihrem einen Jahr schon dominant und eigenwillig, während Apollo 13 ein etwas ängstlicher Geselle ist. Walter fühlt sich als Herr im Hause, sehnt sich deshalb nach Streicheleinheiten, Schmusen und Liebeleien", erzählt die Chefin vom Eselhof.

Ihre Begeisterung für die strammen und lautstarken Vierbeiner wollen die ostsächsischen Eselhalter am Samstag, 4. September, beim 1. Ostsächsischen Eseltreffen in Deutsch-Paulsdorf einem größeren Publikum mitteilen. Immerhin gibt es zwischen Dresden, Zittau und Görlitz über 50 Eselhalter mit etwa 110 Tieren.

Die Besucher im Dorfpark von Deutsch-Paulsdorf erwartet ein buntes Programm, bei dem die Esel verständlicherweise die Hauptrolle spielen. "Die Tiere werden sich bei der Bodenarbeit zeigen, also über Stangen, Brücken oder durch ein Flatterband laufen. Man kann Eselkutsche fahren, auf den Tieren reiten oder sie auf einem Hindernisparcour beobachten", blickt Ralf Wulke voraus. "Wir wollen mit unserer Veranstaltung Eselhalter dazu motivieren, mit ihren Tieren zu arbeiten und sie nicht nur als 'Rasenmäher' zu gebrauchen."

Natürlich gibt es auch jede Menge Hinweise, wie Esel überhaupt zu halten sind. "Man braucht Vertrauen zueinander, Ruhe und Geduld. Der Arbeitsaufwand ist mit dem bei Pferden vergleichbar. Im Futter sind Esel aber weit anspruchsloser. Ihnen reichen karge Wiesen und etwas Heu. Hafer ist nicht notwendig. Esel sind so zu sagen die 'Billigvariante' der Pferde. Aber keinesfalls weniger reizvoll", weiß Ralf Wulke aus eigener Erfahrung.

Damit das "1. Ostsächsische Eseltreffen" ohne Probleme über die Bühne gehen kann, werden noch Sponsoren gesucht, die vor allem Sachleistungen zur Verfügung stellen. "Wir brauchen für die Absperrung des Festgeländes noch einige Bauzäune. Für die Technik und den Moderator (diese Rolle übernimmt der von vielen Reitturnieren bekannte Dr. Matthias Barth) einen Lkw oder Kleintransporter mit hoher Plane", sagt Heike Wulke.

Bis sie sich mit den anderen Eselfreunden am 4. September in Deutsch-Paulsdorf trifft, wird sie weiter mit ihren Schützlingen arbeiten. "Die wissen ganz genau, wenn es los geht. Sie machen 'Konzert', sobald eine bekannte Stimme zu hören ist. Abends gibts dann natürlich jede Menge Streicheleinheiten."

Frank-Uwe Michel Frankuwe.Michel@LN-Verlag.de (06.08.2004)